
Geheimprojekt Glühwürmchen
Auch in Deutschland wurde eine Tarnkappentechnik entwickelt
von Klaus Müller
Bonn
– Während die Experten in aller Welt noch über das Aussehen
des amerikanischen Stealth-(Tarnkappen-)Bombers Lockheed F-117 rätselten,
arbeiteten auch deutsche Ingenieure unter strengster Geheimhaltung an
dieser Technik: Von 1981 bis 1987 wurde bei der später in der Dasa
aufgegangenen Firma MBB unter dem Codenamen „Lampyridae“
(die lateinische Bezeichnung für Glühwürmchen) ein entsprechendes
Konzept entwickelt.
Computerrechnungen und die teilweise bemannte Erprobung im Windkanal
ergaben geringere Radarechos und bessere aerodynamische Eigenschaften
als bei dem US-Einsatzflugzeug. Allerdings hat der Auftraggeber, das
Bonner Verteidigungsministerium, bisher nicht erkennen lassen, dass
die mit hohem Aufwand erarbeitete Technologie in ein künftiges
Flugzeugprojekt einfließen wird.
Das 16 Meter lange Modell des „radargetarnten“ Flugzeugs
(Werksjargon) zeigte 1987 deutlich geringere Radarreflexion als die
Lockheed F-117 und bestätigte damit die vorangegangenen Berechnungen,
berichtete jetzt Projektleiter Gerhard Löbert. Voraussetzung dafür
war die auf jeden rechten Winkel und gerundete Flächen verzichtende
Konfiguration. Dieses Projekt wurde vom MBB-Team noch strenger befolgt
als von den amerikanischen Konstrukteuren:
Es
entstand ein lang gestrecktes, kantiges Flugzeug, das viel Ähnlichkeit
mit den aus Papier gefalteten Flugpfeilen hat.
Das ungewöhnlich geformte Gerät zeigte zur Überraschung
der Ingenieure dann auch gute Flugeigenschaften. Nach gründlicher
Vorbereitung im Simulator flog ein Testpilot das antriebslose Großmodell
im Maßstab 3:4 im deutsch-niederländischen Windkanal. Das
gefesselte Gerät, zwölf Meter lang mit sechs Meter Spannweite,
hob im Gegenstrom ab, flog bis zu 120 knots (225 km/h) und setzte dann
wieder auf. Insgesamt 15 solcher „Flüge“ wurden 1987
absolviert und bestätigten das gutmütige aerodynamische Verhalten
des „Glühwürmchens“.
Diesen Vorteil in allen Geschwindigkeitsbereichen, den die Computerberechnungen
ergaben, schreibt Löbert den von der Rumpfspitze bis zu den Tragflächenspitzen
durchgezogenen scharfen Kanten ab. Ausgangspunkt für die deutschen
Arbeiten war die Verringerung des Radarechos durch Formgebung und Oberflächenbearbeitung.
(Die
Welt, 2.3.1995)